Artikel getaggt als New York

Realiticity

New York… is awesome!
- Chandler Bing

Es brauchte ein bisschen Zeit, bis ich mich an den Wahnsinn gewöhnt hatte: die Leute, der Lärm, der Verkehr, die Nacht taghell am Times Square und (eher im übertragenen Sinne) stockfinster schon in den Seitenstraßen der 5th Avenue… aber nun, nachdem wir eine Weile durch die Streets und Avenues von Manhattan gesurft sind, bin ich ein Fan geworden.

Als Fan muss man einfach in den nächsten Souvenir-Shop rennen und ein „I love New York“ T-Shirt kaufen (buy 5 for $10,99). Und eine Postkarte. Und einen Button. Und einen Kaffeebecher… na gut, irgendwann reichts. Aber wozu bei Abercrombie & Fitch teure Style-Klamotten shoppen, wenn ich für schlappe $5 eine hochwertige, maßstabsgetreue und mit fast echtem Goldstaub besprühte Nachbildung der Freiheitsstatue bekommen kann, die mich ein Leben lang an eine großartige Woche in der größten großartigsten Weltstadt der Welt erinnern wird?

Die Stadt hält im Übrigen genau, was sie verspricht: alles ist größer, mehr, wahnsinniger: die berühmtesten Hochhäuser, die meisten Taxis, die prächtigsten Geschäfte — sogar auf den Bagels ist mehr Cream Cheese als nötig. Dazu ein Coffee to go und ich bin so assimiliert, dass ich von unserer 7qm-Herberge in Chelsea in die Metro steigen und in mein Office fahren will.

Heute war die Metro kaputt. Die ganze Kreuzung füllte sich binnen Minuten mit Menschenmassen, die — wie Ameisen aus ihrem Bau — aus den unterirdischen Höhlen der U-Bahn an das ungewohnte Tageslicht hervorkrochen und sich in Busse quetschten. Die 40 Blocks hätten wir fast in der gleichen Zeit, die der überfüllte Bus in den ebenso überfüllten Straßen benötigte, zu Fuß laufen können, aber nach einem Tag rund um die 5th Avenue (Flat Iron, Empire State, Chrysler Building, Rockefeller Center, Grand Central Station, Guggenheim Museum, Tiffany’s, Apple Store :-) nicht laufen zu müssen war einfach zu verlockend.

Ja, wir machen das volle Touri-Programm. Auf dem Empire State Building bei Einbruch der Dunkelheit, das ist großes Kino. Das American Museum of Natural History war trotz filmverdächtiger Dinos kein Blockbuster. Bekannte Drucke von Suppendosen, Bilder, die (fast) ganz schwarz oder weiß sind, oder auch mal ein echter Van Gogh — das MoMA war für mich ein Überraschungshit. Nach einem richtig guten amerikanischen Burger haben wir bisher leider vergeblich gesucht…

Das Wochend(domi)zi(e)l der New Yorker ist übrigens völliges Kontrastprogramm: Long Island im Allgemeinen, und Motauk (Max Frisch lässt grüßen) im Speziellen. Nach drei Stunden entspanntem cruisen mit Tempomat kommt man in einen Ort, der seinen Spitznamen „The End“ zu Recht trägt. Hier gibt es nach urbanen Maßstäben… gar nichts. Klar: Meer, Leuchtturm, Mordswellen, Sandstrand, Sonnenuntergang. Aber keine hippen Shops, coolen Bars, schnieken Restaurants. Ein Kaff am Meer.

Direkt neben dieser malerischen Szenerie liegt Camp Hero, ein verlassener Air Force Stützpunkt mit dem größten noch stehendem Radarturm aus der Zeit des kalten Krieges — obwohl als Park aufbereitet absolut spooky, Moulder und Scully hätten ihre Freude bei den Nachforschungen über das Montauk Project.

Hier ist alles wie im Film. Jetzt weiß ich, wo diese ganzen Ideen herkommen. Es ist hier einfach so, wirklich!

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P.S.: Dieser Beitrag ist schon ein paar Tage alt, ich kam aber erst jetzt zum Veröffentlichen.

Laundorama

Es ist Waschtag. Drinnen wie draußen. Wir sitzen im Laundromat und warten, dass unsere Wäsche trocknet. Die leuchtende Neonschrift im Schaufenster surrt, wie ein Soundeffekt im Film. Die Stadt rauscht zur offenen Tür hinein. Taxis hupen auf den nassen Straßen. Eine Stretchlimo fährt vorbei. Telefonierende Girls mit breitem amerikanischem Akzent. Gröhlende Guys in weißen Tanktops und mit Basecaps. Der Duft von multikulturellem Essen (Steakhouse links, Chinese gegenüber, Pizza daneben, irgendwo ein Italiener). Ein tadellos geplegt aussehender Schwarzer bettelt mich an. Ein Latina legt ihre Wäsche. Ein Asiat schmeißt den Laden. Wie im Film. Das ist New York, heute abend. Unfassbar.
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The Liberty of NYC

New York, New York, is everything they say
and no place I’d rather be
Where else can you do half a million things
all at a quarter to three…

„The Heart of Rock & Roll“ — Huey Lewis & The News

Als wir mit dem Bus nach Manhattan reinfuhren überkam mich schon ein „großes“ Gefühl… blockweise ging’s die durchnummerierten Straßen hinunter, ich hatte Liedtexte und Filmzitate im Ohr. „Across 110th Street“ zu hören, während man die 110. Strasse überquert, das hat einfach was. Zumindest, wenn man zum ersten Mal in New York ist ;-)

Ich war etwas überrascht, wie heruntergekommen manche Ecken von Manhattan sind. Die ersten Schritte auf den überfüllten Straßen waren für mich zugegebenermaßen etwas wackelig. Ich bin ja nun kein Landei (mehr), aber das sind doch verdammt viele Menschen, die hier an einem vorbeirauschen. Wenn ich auf den ersten Blick aussehe, wie ein Tourist, dann fühle ich mich verwundbar. Nach etwas Akklimatisierung ging es dann aber. Wenn man sein Gepäck sicher untergestellt weiß, dann fühlt man sich schon nicht mehr ganz so entwurzelt…

billfrisellNach einem Spätnachmittag am neonbeleuchteten Times Square, in dessen Nähe wir vorerst wohnten, ging es Abends in die sehr gediegene New York City Winery. Ich hatte da mal was vorbereitet — nicht nur eine Tischreservierung, sondern gleichzeitig einen bühnennahen Sitzplatz für das Konzert von Bill Frisell, der inzwischen schon zu den Altmeistern der Jazzgitarristen gehört und seine charakteristische Mischung aus Avant Garde, Soundscapes und Country zum Besten gab — ein Konzertbericht folgt beizeiten. Zur Livemusik im eher clubgroßen Lokal ausgesuchten Wein und wohlkomponiertes Dinner zu genießen war perfekt, dagegen sind unsere Sitzreihen– oder Stehkonzerte echt ungemütlich. Der Abend war ein New York Highlight gleich zu Beginn.

statuesAm nächsten Tag sind wir dann auch zum regulären Touri-Programm übergegangen: Statue of Liberty, Ellis Island, World Trade Center & 9/11. Für die Bootstour zur Freiheitsstatue muss man in der Tat einen ganzen Tag einplanen (hōr‘ auf Deinen Reiseführer), aber es lohnt sich, wenn man die Zeit aufbringen kann. Die Geschichte des Kolosses der Freiheit wird interessant aufbereitert, der Blick von der Aussichtsplattform tritt dabei fast in den Hintergrund. Ellis Island war weniger spektakulär, versetzt den Besucher aber mit Zeitdokumenten in die Jahrzehnte der Masseneinwanderungen zurück.

Am früheren World Trade Center ist immer noch eine große, abgeschirmte Baustelle ohne erkennbaren Fortschritt; obwohl drumherum neue Wolkenkratzer entstehen ist vom Freedom Tower noch nichts zu sehen. Ein kleines, sehr modernes Informationszentrum stellt die Pläne für das 9/11 Memorial vor. Und morgen heute ist der 11. September… mal sehen, wie sich das in der Stadt bemerkbar macht.

beamWirklich beeindruckend war ein einfaches Denkmal: zwei Lichtstrahlen oder besser gigantische Lichtsäulen strahlen gen Himmel und erinnern an die beiden eingestürzten Wolkenkratzer. Schlicht, aber wirkungsvoll, Strahlen vom Himmel kennt man eigentlich nur aus SciFi-Filmen. Daher verwundert auch nur ein bisschen, dass am Ground Zero Aktivisten mit einem großen Schild die unbedarften Besucher über die wahren Hintergründe aufklärten: „Beam weapons destroyed the WTC“.